Neckermann-Faltfahrrad von 1962

Design aus der Zeit des Wirtschaftswunders

Neckermann-Katalog 1961
Neckermann-Katalog 1961

Endlich, nach nahezu zwei Jahren, ist nun auch mein Neckermann-Faltrad fertig ge- worden. Ich nehme das zum Anlass, einige Informationen die sich bei der Beschäf-tigung mit dem Rad bei mir angesammelt haben auf dieser Seite zu veröffentlichen. Vor allem weil diese Räder zwar ab und zu in Ebay oder in Kleinanzeigen auftauchen, aber unverbastelte Exemplare selten zu bekommen sind. Auch findet man im Netz so gut wie keine Informationen zu diesem Modell.

Neckermann-Katalog 1963
Neckermann-Katalog 1963

Ich habe mich zuerst darum bemüht Katalog-material zu sammeln. Man mag meinen, es sollte ein Leichtes sein, Neckermann-Kata- loge aus den frühen 1960er Jahren aufzu-treiben. Das dachte ich anfangs auch. Leider muss man aber dafür bei Auktionen oder anderen Anbietern tief in die Tasche greifen. Auch meine Anfragen an Käufer dieser Kataloge nach einem (bezahlten) Scan der betreffenden Seite verliefen leider nach anfänglich gezeigter Hilfsbereit-schaft derselben antwort- und ergebnislos. Dank eines freundlichen Sammler-kollegen bin ich dann doch zu zwei Katalogseiten aus den Jahren 1961 und 1963 gekommen, einen Katalog von 1964 konnte ich für 'moderate' 45.- Euro er- steigern – wegen einer Seite!

Hersteller

Der Hersteller des Rades waren die Geier-Werke in Lengerich/Westf. Prototyp 1959, Gebrauchsmusterschutz 1960, Vorstellung auf der IFMA 1960*. Die Geier-Werke wiederum bezogen die Muffen von der Gießerei Wilh. Holthaus in Hagen, wie eine kleine unscheinbare Markierung auf der Tretlagermuffe belegt.

 

Neckermann-Katalog 1964
Neckermann-Katalog 1964

Herstellungszeitraum und Preise

Das Modell wurde zwischen 1960 und 1967 von der Firma Neckermann angeboten, zuerst als 'Supersport-Falt-Fahrrad', später bescheidener als '26“-Faltfahrrad', die letzten zwei Jahre als 'Astor-Faltrad'. Das hier vorgestellte Exemplar stammt aus dem Jahr 1962. Danach verschwand die Konstruktion wieder von der Bildfläche, weil der Hersteller, die Geier-Werke in Lengerich/Westfalen, 1967 Konkurs anmeldete.


In diesen fünf Jahren scheinen nicht allzu viele Faltfahrräder Käufer gefunden zu haben, was auch am prohibitiven Preis gelegen haben mag. DM 199.- für das Rad, ab 1963 für das optionale Dreigangmodell sogar 232.- Mark, 1964 235.- Mark. Dazu muss man sehen, wie viel Geld das damals wirklich war. Es war das teuerste Fahrrad im Neckermann-Angebot! Nicht einmal das ‚Rennsport-Fahrrad’ mit Ledersattel, Rennlenker und Kettenschaltung war teurer (178,50 bzw. 209.- mit Dreigang-Nabenschaltung im Jahr 1964). Ein einfaches Tourenrad gab es schon für DM 94,50

Neckermann-Faltfahrrad von 1962
Neckermann-Faltfahrrad von 1962

Änderungen während der Bauzeit

Das Faltrad durchlief trotz seines relativ kurzen Lebens anscheinend eine intensive 'Modellpflege'. Während 1961 - das Rad wurde damals als 'Supersport-Faltfahrrad' angepriesen - noch die Luftpumpe unter dem Rahmen hing und das Werkzeug in einem Satteltäschchen verstaut war, wan- derte die Notfallausrüstung ein Jahr später in den Rahmen. Man bewarb das als 'dieb-stahlsicher', sparte sich aber dadurch tatsächlich die Werkzeugtasche. Die ehemals verchromte Metallpumpe wurde durch eine Kunststoffpumpe ersetzt, da man sie nun nicht mehr sah.
Auch änderten sich die Felgen von den zu dieser Zeit üblichen, verchromten Kastenprofilen hin zu – wie Neckermann es nennt – 'Feranfelgen'. Da bei mir eine Felge falsch war und ich anfänglich nicht wusste, welche, musste ich mich zwangsweise damit befassen. Bei Feranfelgen handelt es sich um simple Stahl-felgen mit getrepptem Profil, die aber durch ihr Finish einer Leichtmetallfelge zum verwechseln ähnlich sehen. Der Hersteller ist RV, wobei ich (noch) nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt.

Neckermann-Faltfahrrad von 1962
Neckermann-Faltfahrrad von 1962

Des Weiteren änderte sich das Kettenblatt wohl im Modelljahr 1963, es wurde jetzt ein einfaches sternförmiges, im Gegensatz zum Blatt mit den Pfeilen montiert.

Beim Sattel sparte man sich die Paspe-lierung oder wechselte den Zulieferer; auch konnte man nun wie erwähnt eine Torpedo-Dreigangschaltung ordern, deren Schalthe- bel am Sattelrohr befestigt war, um beim Zu- sammenfalten des Rades nicht im Weg zu sein. Beim Schalten fummelte man dadurch ständig unter seinem Allerwertesten herum, was sich als gewöhnungsbedürftig erweist.

Neckermann-Faltfahrrad von 1962, Firmenzeichen am Sattelrohr
Neckermann-Faltfahrrad von 1962, Firmenzeichen am Sattelrohr

Gab es das Urmodell 1961 noch in einem schicken Metalleffekt-Blau und gegen Auf- preis von DM 9,50 in Metalleffekt-Rot oder -Grün, so wurde das Klapprad ab 1962 nur noch in 'Seeblau' ohne Metalleffekt, also einer Einschichtlackierung geliefert. Die ab- gespeckte Version ohne Klappscharnier ('Su- persport-Fahrrad' für DM 149,50) fiel min- destens ab 1963, wahrscheinlich schon ab '62 ebenfalls dem Rotstift zum Opfer. Spätestens ab 1963 ließ Neckermann dann auch das etwas überzogene 'Supersport' in der Mo- dellbezeichnung weg und führte das Rad bescheiden aber korrekt als '26“- Faltfahrrad'.
All diese Änderungen zeigen nach meinem Empfinden das Bestreben, das an sich in der Herstellung zu teure und wirtschaftlich nicht erfolgreiche Fahrrad doch noch zu halten, in dem man eben an Details sparte – bei gleichbleib- endem Preis.

Neckermann-Faltfahrrad von 1962
Neckermann-Faltfahrrad von 1962

Technik

Der Rahmen besteht aus zwei Hälften dicken, pro- filierten, verschweißen Pressstahls, an dem das mas- sive, gegossene Scharnier befestigt ist. Zusätzlich ist im Sattelrohr, das an seinem unteren Ende das Tret- lager trägt, ein weiteres Rohr vom Bereich der Kreu- zung mit dem Rahmenprofil bis zum Lager einge-schweißt, um einer übermäßigen Verwindung beim Treten vorzubeugen. Diese Verstärkung und auch die- jenigen ober- und unterhalb des Rahmens zum Sat- telrohr hin trieben das an sich schon hohe Gewicht für ein 26“-Rad weiter in die Höhe. Neckermann gibt 'ca. 16 kg' an, tatsächlich sind es gute 17 kg.
Der Rahmen ist aufwändig gefertigt und nach der Lackierung handliniert(!) – bei Rädern der 60er schon selten und ein weiteres Indiz für die Kleinserie.

Neckermann-Faltfahrrad von 1962
Neckermann-Faltfahrrad von 1962

Der Lenker ist ein Spezialteil, das es nur an diesem Fahrradmodell gab. Der Mechanismus erlaubte es den Lenker zu drehen und abzuklappen. Der Nachteil: Der Lenker lässt sich nicht in der Höhe verstellen.

Insgesamt sind ziemlich viele Teile modellspezifisch und nicht 'von der Stange' (Rahmen, Gabel, Lenker, Kettenschutz, Gepäckträger, Lampe etc.), was die Pro- duktionskosten natürlich ebenfalls in die Höhe trieb. Auch der Restaurator hat seine Freude dran, daher nur ein bei den wichtigen Teilen vollständiges Exem- plar erwerben!

Neckermann-Faltfahrrad von 1962, abklappbarer Lenker
Neckermann-Faltfahrrad von 1962, abklappbarer Lenker

Schutzbleche, genauso wie die 36-Loch-Felgen, bestehen aus Stahlblech mit einer speziellen Oberflächenbehandlung ('Feran'), die sie wie Leichtmetall aussehen lassen.

Verbaut ist vorne eine Nabe von Union, hinten eine Torpedo-Rücktrittnabe (F&S E). Ab 1966 kam das Faltrad mit Komet-Hinterradnabe. Die bei dem Gewicht des Rades nicht unpraktische Tor- pedo-Dreigangschaltung gab es ab 1962 gegen Aufpreis, ab Herbstkatalog 1965/66 wurde sie durch die nunmehr verfügbare Duomatic des selben Herstellers ersetzt (Zweigangnabe, durch Rücktreten geschaltet und daher ohne Schalt-hebel).

Die originale Klingel stammt von Trelock, die Gummizüge des Trägers und die Griffe von Hebie. Bremse ist eine Weinmann Junior, der Sattel kommt von Mertens (als Terry-Sattel wg. der Form bezeichnet). Pedale mit Echtglasre-flektoren. All diese Teile erscheinen mir original, auch, was man auf den Zeich-nungen im Katalog erkennen kann. Die Bereifung besteht aus wunderbar erhaltenen Semperit Elite-Reifen mit weißen Flanken.

Neckermann-Faltfahrrad von 1962, Tretlager
Neckermann-Faltfahrrad von 1962, Tretlager

Von mir als zeittypisches Zubehör ergänzt wurden die Packtaschen der Fa. Erhardt in Hannover, der Ständer von ESGE sowie der witzige Windsack mit den aufgedruckten Namen deutscher Städte, ein typisches Zubehörteil der späten 1950er/1960er Jahre. Ein Dynamo von – natürlich – Neckermann vervollständigt die Lichtanlage. Das Fahrrad wurde damals trotz des hohen Preises tatsächlich ohne Dy- namo ausgeliefert!

 

 

Praxis

Fahren lässt sich das Rad eigentlich ganz gut, es ist ausreichend stabil. Der Rahmen baut sehr kurz, daher ist die Ergonomie für Hochgewachsene nicht gerade optimal.

 

In den Kofferraum eines 1960er Benz, wie im Katalog von 1964 gezeigt (hier der Wagen von Josef Neckermann mit dem Kennzeichen JN 2), möchte ich es auf- grund seines Gewichtes nicht oft wuchten müssen.

 

Das Zusammenfalten des Rades ist eine Tortur, um es mal vorsichtig auszu-drücken, und keinesfalls 'mit zwei Handgriffen spielend leicht' zu erledigen, wie Neckermann 1961 noch behauptete (später ließ man dann wohlweißlich die 'zwei Hände' und das 'spielend' weg). Entweder man beschädigt das Rad, oder man quetscht sich die Finger – meistens beides. Ein Ikearegal zusammenzu- bauen ist dagegen eine Fingerübung.

 

 

Fazit

 

Insgesamt stellt das Neckermann-Faltfahrrad ein wirklich originelles und selte- nes Stück Designgeschichte der Wirtschaftswunderzeit dar, ganz nach dem Mot- to: Modern, innovativ und Hauptsache anders als die alten Zöpfe der voran- gegangenen Jahrzehnte - auch wenn das nicht unbedingt stimmte.

Es war eine Antwort der Fahrradindustrie auf die immer schneller fortschreit- ende Individual-Motorisierung in den wirtschaftlichen Boomjahren der Nach- kriegszeit. Niemand wollte eigentlich mehr Fahrradfahren, Motorräder und Auto- mobile waren nun der Traum der Menschen.

Ob das Faltfahrrad wirtschaftlich ein Erfolg war kann nicht mehr festgestellt wer- den. Ich zweifle allerdings stark daran.

 

 

*Ergänzende Literatur

 

Niemeyer, Nils, Das Neckermann-Faltrad. In: Der Knochenschüttler 2/2006, 7-10.

 

Niemeyer behandelt hier vor allem die interessante Entstehungsgeschichte der Konstruktion ausführlich und mit weiteren Literaturverweisen. Reich bebilderter Artikel, für den Besitzer eines solchen Faltfahrrads unbedingt zu empfehlen. Dafür wenden Sie sich bitte an den Verein 'Historische Fahrräder e.V.'